Das Buch der Schöpfung

Der Leerraum lauschte auf den Puls des Lebens, denn mehr war nicht am Anfang der Welt. Er mochte das dumpfe Klopfen, umhüllte es, nahm es in sich auf und folgte dessen Stimme. Er dehnte sich aus, zog sich zusammen und dehnte sich wieder aus. Immer aufs Neue und immer weiter, bis er es am Ende übertrieb und in unzählige kleine Blasen zerriss, die verwirrt im Nichts umhertrieben.

So war es vorhergesagt, so war es geschehen, denn die Mutter allen Seins ist das Nichts. Einige der Blasen blieben still, in anderen schlug der Puls des Lebens noch eine Weile sinnlos vor sich hin, bis er erlosch. Nur eine Blase erlaubte es dem Leben nicht, sich zurückzuziehen. Sie pulsierte so voller Freude und Kraft, dass sich ihre Ränder beim Zusammenziehen berührten und aneinander festhafteten. So entstand die eine doppelte Blase.

Der Leerraum erblickte sein Spiegelbild, erkannte sein Ich, erschrak und floh vor sich selbst davon. Zurück blieb die Magie des Augenblicks.

Deshalb sagen die Weisen, am Anfang war Magie. Sie ist es, die als Einzige übrig bleibt, wenn Freude und Schrecken entschwinden. Es gab und es gibt nur diese eine Magie. Sie hat keine Form und keine Gestalt, keine Vergangenheit und keine Zukunft, keinen Ort und auch kein Ziel. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Anfang und das Ende, der Ort und auch der Weg. Sie ist sich selbst genug, und wer sie beherrscht, ist Gott. Denn es gibt kein Wesen, das diese Magie verstehen kann. Es ist die Magie des Nichts. Wird sie beschworen, erhält sie Gestalt und wird durch etwas ersetzt, das weniger ist als sie.

Das Nichts gebar das Schicksal, das sich die Zeit als seinen Diener wünschte, und das Nichts erfüllte den Wunsch des Schicksals. Doch die Zeit weigerte sich, dem Schicksal zu dienen, erschuf den Raum und sperrte das Schicksal darin ein. Von diesem Augenblick an fochten Schicksal und Zeit einen ewigen Kampf miteinander aus. Mal zwang das Schicksal die Zeit ins Joch und bestimmte den Lauf der Dinge. Dann wieder legte die Zeit dem Schicksal ihre Zügel an und verlangsamte oder beschleunigte das, was das Schicksal bestimmte. So entschied der eine, was zu geschehen hatte, und der andere, wann es geschah.

Das Nichts verstand die doppelte Blase. Zu allem, was ist, gibt es einen Bruder. Zur Zeit gehört der Raum, und wenn sich beide zusammen tun, dann nennt der Zwilling sich Raumzeit.

Das Nichts verstand, dass nichts geschehe kann, wenn nichts ist. Und so erfand es ein Licht, das nicht schien. Raumzeit, Schicksal und Licht waren die drei Kinder des Nichts, das selbst immer als letztes übrig bleibt. Raumzeit und Schicksal sind dem Menschen ewige Rätsel geblieben, aber das Licht war anders als seine Brüder.

Das Licht explodierte und erkaltete. Das Licht wurde so kalt, dass es endlich scheinen konnte und dadurch, dass es schien, wurde es noch kälter. An Stellen, wo es besonders kalt wurde, zog es sich zusammen und wurde fest und fester. Heiße Gasschwaden durcheilten den Raum und gaben ihm Formen. Und das Licht wurde kälter, so kalt bis die Gase selbst zu glühen begannen. Die Gase zogen sich zusammen, wurden fester und fester, und in dem, was einst eine leere und erschrockene Blase gewesen war, flogen erste Staubkörner hin und her.

Die Zeit gab diesem Staub eine Richtung und das Schicksal entschied, wie der Raum auszusehen, und dass es Formen zu geben habe. So entstand der Himmel, und an jenem ersten Himmel war alles vorhanden, was wir heute über uns sehen würden, gelänge es nur, das grelle Licht der Sterne auszulöschen. Denn wisse, das, was grell leuchtet, ist verglichen mit dem ersten Licht bitter kalt, auch wenn dort alles, was du kennst, so schnell verbrennen würde, das es von jetzt auf gleich verschwände, ohne etwas zu hinterlassen.

Als das Licht so kalt wurde, dass es schien, verschwand das Nichts. Als letzten Gruß hinterließ es das Dunkel, den ewigen Begleiter des Lichts. Licht und Dunkel erschufen Gestalt und Form. Und so begann die Welt.

Die Menschen werden diese Kinder sehen und erkennen, doch jeder sieht die Kinder des Nichts Schicksal, Raumzeit, Licht und Dunkel in einer anderen Gestalt. So will es das Nichts, und deshalb soll es auch so sein.

Da die Menschen aber die Gestalten, die sie sehen, stets für die Wahrheit halten, werden sie untereinander streiten, welche Wahrheit die wahrhaftige ist. Sie werden den Wahrheiten Namen geben und über die Namen streiten.

Es ist der Streit der Menschen um Wahrheiten und es ist der Kampf aller Lebewesen mit- und untereinander, die dafür sorgen, dass sich die Welt ständig verändert. Zum Guten wie zum Schlechten.

Die Magie ist zu mächtig für die Menschen. Sie beten die Magie an, weil sie sie fürchten. Sie verstehen einen Teil und bleiben doch blind für ihren Sinn. Durch ihre Suche nach der Wahrheit durchschreiten sie einen Kreis und gelangen nirgendwo hin. Es werden viele Reiche entstehen, doch welche es sein werden, will das Schicksal nicht verraten. Die Zeit selbst soll ihre Geschichte erzählen. Was geschehen wird steht geschrieben in den Büchern Eos, Arun, Cheon, Mun und Kypt. Wer nach ihnen sucht, wird sie finden, doch wisset: Kypt braucht Mun, so wie Arun auf Eos wartet, und Cheon braucht Arun, damit es Mun dienen kann. Jedes Buch hat einen Wächter, der dem Weisen gehorcht und den Scharlatan vernichtet. Wer also nur magische Kunststücke sein eigen nennt, sollte dem Wächter nicht gegenübertreten. Die Wahrheit würde ihn zerstören.

 

Hier hört der Text auf, und niemand kann sagen, was sonst noch geschrieben stand. Es muss ursprünglich mehr gewesen sein, denn es gibt Legenden über die erste Welt, und die müssen irgendwo ihren Anfang genommen haben.

Und wer das Buch der Schöpfung geschrieben hat, wollt ihr wissen? Vielleicht wurde es erst sehr viel später geschrieben und am Anfang nur erdacht. Aber wenn es erdacht wurde, dann enthält es die Gedanken der Drachen. Denn sie sind die Geschöpfe des Chaos.

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